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Wie die Deutschen Weisses Russland ausgedacht haben

Anfang des 20.Jahrunderts klagte bitter einer der Vertreter der weissrussischen nationalen Wiedergeburt in der deutschen Presse ueber das Schicksal von “totgeschwiegenen Weissrussland”. Bis heute aenderte der standarte Satz von seinen Klagen praktisch nicht: Verschweigen von der Aussenwelt selbst der Existenz von Weissrussland, Verneigung seines Rechts auf die Selbststaendigkeit, sogar des Rechts auf eigene Geschichte und auf eigene Interpretation von dieser Geschichte und auf die Erhaltung der eigenen Sprache. Um gerecht zu sein, muss man sagen, dass die Schuld fuer diese Unbekanntschaft im hohen Grad die Weissrussen selbst tragen muessen. Auch in unserer Zeit: wenn fuer den ausgebildeten und proeuropaeisch gestimmten Teil der Bevoelkerung die Frage von dem Wert der fast unerwartet erhaltenen Unabhaengigkeit nicht existiert, so nimmt der patriarchale Teil der Bevoelkerung, die gewohnt ist, eher mit den fuehlbaren Kategorien zu denken, - mit solchen, wie ein Stueck Wurst, - die Gespraeche ueber die nationale Identitaet usw. mit unverhuellter Gereitzheit auf, weil sie stumme Nostalgie empfindet, wenn nicht nach “dem Grossen Russland”, so doch nach der “grossen und maechtigen” Sowjetunion.

Wie ein unabhaengiger Staat erschien Weissrussland auf der Weltkarte im Jahre 1991 nach dem Untergang der “Heimat des Sozialismus”. Aber die Versuche, dieses Territorium in etwas wie eine Nation zu konsolidieren zaehlen schon ueber tausend Jahre. Und fast so alt ist auch sein Name. Aber paradoxal existierten den groessten Teil der Zeit das Land und ihr heutiger Name wie von sich selbst und erst in unserem Jahrhundert vereinigten sich ihre Schicksale. Uebrigens, wie es oft in der Geschichte geschieht, hat die Entstehung von diesem Namen einem sprachlichen Kuriosum zu verdanken und als Urheber von diesem Kuriosum trat naemlich die deutsche Sprache auf. Also, wie es weiter zu sehen ist, ist das buchstaebliche Weissrussland geschichtlich weit mehr begruendet, als Belarus, worauf die Weissrussen bestehen.

Die nationale Tradition der Historiographie leitet den Ursprung der weissrussischen Staatlichkeit von dem mittelalterlichen Polozker Fuerstentum ab. Seit Ende des 10.Jahrhunderts regierte hier die eigene Dynastie, die von einem gewissen Roegnwald gegruendet wurde, vielleicht vom einem norwegischen Wikinger. Trotz der periodischen Unterordnung dem Kiewer Reich, gelang es den Polozker Fuersten jedesmal die Unabhaengigkeit wiederherzustellen bis zu dem Moment, als die weissrussischen (wie man sie heute versteht) Territorien zum Bestandteil von Grossfuerstentum Litauen (GFL) wurde. Gerade waehrend der litauischen Periode der Geschichte, die fuenfeinhalb Jahrhunderte gedauert hatte (etwa 1230—1795), entstand die weissrussische Voelkerschaft und es formierte sich die altweissrussische (wie man sie jetzt nennt) Sprache. Im riesigen litauischen feudalen Staat, der in erbittertem Kampf gegen den Teutonischen Orden und die Goldene Horde und spaeter gegen den Moskauer Staat entstand, war eben diese Sprache, die Staatsprache. In diesem Sprache wurden Gerichtsverfahren gefuehrt (besonders vor der Entstehung einer Konfoederation mit Polen, Rzeczpospolita, im Jahre 1569), Gedichte und Pamphlete geschrieben, in diese Sprache wurde populaere europaeische Literatur uebersetzt. Das erste weissrussische gedruckte Buch — die Uebersetzung der Bibel von Franzisk Skarina von dem ruhmreichen Polozk, wurde im Jahre 1517, ein halbes Jahrhundert vor dem Beginn der Buchdruckerei in Moskau. In diese Sprache haben auch die Tataren, die in GFL gelebt haben, ihren Koran im 16.Jahrh. uebersetzt. Aber genannt wurde diese Sprache entweder “russisch” (vom Standpunkt der Bevoelkerung des Grossfuerstentums selbst aus, die die Moskowiten nicht fuer die Russen hielten), oder “litauisch” (vom Standpunkt der Nachbarn, vor allem der Moskowiten aus). Und das Land, das zwei Nationalitaeten wie das heutige Belgium hatte, wurde Litauen genannt. Und jedenfalls, wenn man den Osten vom heutigen Weissrussland unterscheiden wuenschte, das fast voellig orthodox war, wo es eigentlich keine Litauen gab, nannte man es einfach “Russland”. Diese ziemlich verwirrte Terminologie fuehrt bis heute die Leute irre, die die Geschichte des Landes schlecht kennen (und nicht nur ausserhalb des Landes). Vom aussen kann es einem scheinen, dass sie im 20.Jahrh. aus niergends entstand. Und woher stammt der Name Weissrussland?

Das Archiv von Dublin Trinity College untersuchend, entdeckte der amerikanische Forscher M. Colker vor kurzem, im Jahre 1979, einen anonymen lateinischen Traktat Descriptiones terrarum, der gegen 1255—1260 geschrieben worden war. Der Autor von diesem geographischen Aufsatz, offentsichtlich ein Franziskaner, zeichnete sich durch eine fuer seine Zeit ungewoehnliche Erudition aus: ihm waren schon z.B. die Entdeckungen von Wikingern in Nordamerika bekannt. Und seiner Feder gehoert auch die frueheste heute schon bekannte Erinnerung an den Termin Weisses Russland (Russia Alba):

“Preussen... reicht im Osten bis zu Heiden Kareliern — Waldleute, die wild genug sind... Ein von ihnen, der dem Bruder Vaislan, meinem Kameraden, zugehoert hatte, der im Weissen Russland (in Alba Rusñia) regierte, rief ihn auf zu den obengenannten Kareliern mitzugehen und betonte dabei, dass er sie zum richtigen Herrn Gott ohne Zweifel durch die Taufe fuehren und dort die Kirchen bauen wuerde”.

Eben zu dieser Zeit versuchte Rom erfolglos Kareliern in Katoliker zu verwandeln. Hamburger Kanonikus Friedrich Gaseldorf trug 1255—1269 den Titel des Bischofs von Karelien, aber wie viele andere Bischofe in partibus infidelium, war er in seinem Sprengel nie. Irgendwo unweit, auf dem Territorium der Republik von Grossem Nowgorod befand sich auch Weisses Russland jener Zeit. Die erste Andeutung darauf enthaelt das Werk des norddeutschen Chronist Adam von Bremen († nach 1081) "Die Handlungen von Bishofen der Hamburger Kirche" (Bischofgeschichte der Hamburger Kirche) (gegen 1075). Die zwischen den Schweden und Russen wohnenden Voelker aufzaehlend, erwaehnt er:

Dort [in Ruzzia] sind auch die sogenannten Albanen zu finden, in ihrer eignen Sprache Wizzen genannt, aeusserst grausame Raeuber und Uebeltaeter, die zusammen mit den Hunden geboren werden

Wizzi von Adam von Bremen — sind Wepsen, deren Name fuer einen Deutschen sich mit dem Wort “weiss” (Lat. albus) assozierte. Die Reste dieses den Kareliern verwandten Volks, der Pigmentation nach, eines der helleren Voelker, leben bis heute suedlicher vom Onegasee. In Altertum nahmen sie ein bedeutendes Territorium ein, an dem man auf dem Wege von der Baltik nach Arabischen Kalifat nicht vorbeikommen konnte. Wissenschaftler des Mittelalters kannten sie deshalb sehr gut. Daennischer Historiker Saxo Grammaticus nannte sie 1220-er visinnus. Die muselmanischen Schriftsteller teilen von dem “Land von Wissu” bis zum 14.Jahrh. mit, als der groesste Teil von Wepsen von den Russen assimiliert wurde, nachdem es zum Bestandteil des Grossen Nowgorod geworden waren. Aber man vergass uebrigens die Anfangsform Wizzi und die lateinische Form Albani wurde vorgezogen. Und im Unterschied zu Adam von Bremen, der sich gut vorstellte, wo seine albani lebten, verwechselten seine Epigonen oft ihr Land bald mit Kaukasischen Albanien — antikem Staat auf dem Territorium von heutigem Aserbaidshan, bald mit dem an der noerdlichen Kueste des Schwarzen Meeres liegenden Albanien (Alanien) — dem Land von Alanen, der Ahnen von heutigen Osseten.

Dazu tragen ungenuegende Kentnisse der Alten in der Geographie bei. Laut den antiken Autoren, deren Ideen auch mittelalterliche Scholastiker uebernahmen, wuerde das Kaspische Meer fuer den Golf vom Nordozean gehalten. Gerade so ist das Kaspische Meer im hohen Norden auf der bekannten Ebstorfer Landkarte dargestellt und auf den anderen Landkarten jener Zeitperiode. Auf demselben Weltbild trat “Meotischer See” (das Asowsche Meer) weit nach dem Norden hervor und erreichte 55° Nordbreite und die Entfernung zwischen ihm und der Ostsee stellte man sich 2—3 mal kleiner vor, als sie in Wirklichkeit war, wie der Kreis vom Erdball waehrend der Kolumbus-Zeit. Strabo zweifelt, ob die Leute in einer kalten Wueste am Leben bleiben koennen, die noerdlicher von Meotid gelegen haben sollte. Ovid war ueberzeugt, dass gerade dort sich ultima terra (das letzte Land) befindet. Nach Plinius des Aeltesten befand sich das Asowsche Meer ganz nah vom Nordozean, und vielleicht auch dessen Golf gewesen war.

Die mittelalterlichen Vorstellungen ueber Osteuropa waren noch mehr phantastischer. Wie Bartholomeus von England meinte (Mitte 13.Jahrh.): “Albanien grenzt im Osten an das Kaspische Meer und geht weiter der Kueste entlang bis zum Nordozean, sich bis zu Meotischer See ersteckend, und bis zu den wildesten Territorien. Auf diesem Land leben die Riesenhunde, mit so grausamen Seelen und Koerpern, dass sie Stiere fallen lassen und Loewen und Elefanten toeten. Und die Augen von diesem Volk seien farbig, haetten gruenliche Pupillen und sie saehen deshalb in der Nacht besser als am Tage”.

Der Zeitgenosse von Bartholomeus und des anonymen Autors von Descriptiones terrarum, der beruehmte englische Wissenschaftler Roger Bacon nannte in seinem ”Grossen Aufsatz” die Laender naeher zum Osten von Estland und Livland, die dem “jungeren Bruder” von Nowgorod — der Pskower Republik — gehoerten, Leucovià (vom Gr. leucos — weiss). Vielleicht haben sich die Nachrichten Adams von Bremen von einem konkreten Volk — Wepsen — in unklare Vorstellungen vom “Russischen Albanien” transformiert, das irgendwo oestlicher von Karelien und Livland lag, und die man spaeter Russia Alba — Weisses Russland zu nennen begann.

Nach den Descriptiones terrarum war Weisses Russland in den historischen Quellen mehr als hundert Jahre lang nicht zu treffen. In der Mitte des 14.Jahrh. erinnert der sueddeutsche Dichter Peter Suchenwirt, der die ritterlichen Heldentaten seiner Landsleute besang, darunter auch ihre Reisen aus Livland nach nordwestlichem Russland und nach GFL: Eysenburch di guten stat in Weizzen-Reuzzen. (Eisenburk — das ist die deutsche Uebertragung des Namens von der uralten russischen Stadt Isborssk in der Pskower Republik).

Einige Nachrichten ueber die Lokalisierung von Weissem Russland brachte uns die Geschichte des diplomatischen Kampfes des Grossen Fuersten von Litauen Witowt (1392—1430) gegen den Kaiser Sigismund. In einem Schreiben vom grossen Magister des ordens Heinrich von Plauen an Sigismund (1413) wird mitgeteilt, dass “sich herczog Witawt mit den Pleskouwern und den Grossen Nougardern und der ganzen Russchen czungen voreineget hat... her welle mit den Wissen Russen krigen”. Die Rede geht davon, dass es Witowt gelang, seinen Konkurrenten Foedor Jurjewitsch, den er vorher Smolensker Fuerstentum beraubt, und es an Litauen angeschlossen hatte, aus Nowgorod zu verbannen. Jetzt wurde der Blick von Witowt auf Nowgorod gerichtet, aber die Vereinigung aller ostslavischen Nachbaren vom Orden unter der Macht des einzigen Monarchen entsprach den Plaenen des Kaisers nicht, der offizieller Patron des Ordens war. Deshalb fand Foedor Jurjewitsch herzliche Unterkunft bei Sigismund. Im Jahre 1418 treffen wir ihn auf dem Konzil zu Konstanz, wo der Chronist Ulrich von Richental im illustrierten Wappenbuch der ehrenvollen Gaeste ihn “Hertzog Feduer von wissen Ruessen und herr zu Schmolenzgi” nennt. Manchmal versteht man das so, dass schon damals die Europeier die Stadt Smolensk zu Weissen Russland gezaehlt haben. Aber Foedor, obwohl er aus Smolensk stammte, vertrat im Konzil auch noch: “wiss Russen: das land und statt gross Noffagrott, was da cristan ist”.

Der Name Weisses Russland war bis zu Ende des 16 .Jahrh. in Osteuropa selbst nicht bekannt. Er wurde nur in Westen gebraucht, vor allem in Deutschland, obwohl er auch hier weder offiziell noch populaer war. Das war ein typisch wissenschaftlicher Termin, einer der so geliebten von den mittelalterlichen Scholastikern, die Strassburg Argentina, Irland Hibernia nannten.. (??) Vieles macht Weisses Russland auch mit solchen pseudogeographischen Namen des Mittelalters wie “Riphaeische Gebirge”, “Brasil Inseln”, “ultima Thule”, “Reich von Presbyter Johannes” verwandt. Die meisten von ihnen wurden nicht mehr gebraucht und vergessen, aber Weisses Russland hatte “Glueck gehabt”. Von Deutschland aus breitete sich sein Name allmaehlich in den wissenschaftlicher Kreisen Europas aus. In der Mitte des 15.Jahrh. beginnt man es auf den Landkarten darzustellen, auf solchen, wie die Landkarte von Venezianer Fra Mauro (Rossia biancha) oder sogenannte Eichstaetter Landkarte, die dem Kardinal Nicolaus von Kues zugeschrieben wird (Russiae Albae pars). Als Regel wurde dieser Name im Zusammenhang zum Grossen Nowgorod oder zu seinem Nachbarn — Pskow — gebraucht. Diese russischen Laender, faktisch unabhaengig, eng mit Hansa verbunden, waren vielleicht nur im Westen weit und breit bekannt im Unterschied zu dem tief im Kontinent liegenden und damals noch nicht in den Internationalen Handel und der Internationalen Politik herangezogenen Moskau.

Am Ende des 15.Jahrh. ereigneten sich in dem politischen Aufbau Osteuropas tiefe Veraenderungen. Das unter Iwan III. (1462—1505) erstarkte Moskau nahm die Initiative in seine Haende von dem proeuropaeisch aber seit den Witowt-Zeiten seinen Dynamismus verlorenen GFL und begann die kleinen russischen Staaten nacheinander niederzudruecken. Seine bedeutendste Anschaffung war das Grosse Nowgorod (1471). Nach der Eroberung von diesem reichsten Besitz verstaendigte sich Iwan III. traditionell mit Schweden, Livland, Hansa, nicht direkt sondern durch seine Vermittler in Nowgorod. Entsprechend begannen die gebildeten Europaeer ihn “Herr von Grossem Weissen Russland” zu nennen. Anfang des 16.Jahrh. verbreitete sich der europaeische wissenschaftliche Name von Nowgorod — wiederum aus Unwissenheit — auf den ganzen riesigen Moskauer Staat.

Allerdings erschien noch eine Deutung vom Namen Weisses Russland. Manche Wissenschaftler des Endes vom 15.Jahrh. (der Papst Pius II., die Kartographen Heinrich Hammer von Deutschland und Johannes Ruysch) stellten es an der noerdlichen Kueste der Asowschen und Schwarzen Meere dar zwischen Muendungen von Don und Dnepr — vieleicht es mit dem obengenannten Albanien gleichsetzend, oder nicht richtig denselben Adam von Bremen deutend, der als Nachbarn von Wizzi irgendwelche Turci nannte — obwohl er nicht so viel die Tuerken im Augen hatte, die die noerdlichen am Schwarzen Meer liegenden Territorien am Ende des 15.Jahrh. erobert hatten, sondern wie die Einwohner vom heutigen finnischen Turku. (Der schwedische Historiker Olaus Magnus will sich mit den “Weissen Russen” (russi albi) auf dem Jahrmarkt in Tornio getroffen haben.

Also, es existierte keine allgemeine Meinung im Hinsicht auf die Lokalisierung vom Weissen Russland. Manche setzten fort, so nur den Teil vom Nordwestlichen Russland zu nennen, die anderen — den ganzen Moskauer Staat und die dritten — den Sueden der Ukraine. Auf den Landkarten zeichnete man es bald noerdlich, bald suedlich von mythischen “Riphaeischen Gebirgen”, die als Wasserscheide zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer dienen sollten. Und wenn das noerdliche Weisse Russland durch seine ungewoehnlich blasse Einwohner und grausame Hunde beruehmt wurde und durch das legendaere Idol — das Goldene Weib, die sich irgendwo in den Uraler Schneen verloren haben, so wurde im suedlichen das mythische aromatische Rohricht (Reu Ponticum) als seine Sehenswuerdigkeit genannt. Der bekannte deutsche Geograph Sebastian Muenster hat in seinem “Cosmographia” diese Wiedersprueche nicht geloest; von seinen Angaben kann man nicht verstehen, wo sich das “richtige” Weisse Russland befandt: “Weyssen Reussenland, das ueber den Neper ligt hat vil Kalmus gegen den Don, hat auch vil Reu Ponticum das ist und in der Littaw und funft vil andere Kreuter and Wurzeln, die man ausserstwo nit findt... Die weyssen Reussen seind under dem fuersten vom Moschovia; es ist auch under im [ihm] die gross Statt Neuegardia oder Novigrod”.

Der Umstand, der endgueltig das Schicksal von Weissem Russland als eines geographischen Begriffs bestimmt hatte, war der Livlaender Krieg (1558—1582), den Iwan IV. der Schreckliche gegen GFL und Schweden fuer den Besitz von Livland fuehrte. Im Jahre 1563 gelang es ihm Polozk samt der Umgebung zu erobern, die im Norden an das Territorium der ehemaligen Nowgoroder Republik grenzten, die er im Laufe von 16 Jahren in seinen Haenden hielt. Gerade seit dieser Zeit wierd der Begriff Weisses Russland zu dem heutigen Weissrussland gebraucht — zuerst zu der Polozker Woiwodschaft und nach seiner Befreiung von Moskauer Okkupation im Jahre 1579 verbreitete er sich auch auf Witebsker, Mogiloewer, Mstislawer und Smolensker Woiwodschaften. Einer der ersten Europaeer, der den neuen Sinn des Begriffes Weisses Russland festgesetzt hatte, war der Funktionaer der lutheranischen Kirche in GFL Paul Oderborn, der in Rostock im Jahre 1582 den lateinischen Traktat “Eine Erzaehlung von der Religion und Sitten von Russen” veroeffentlicht hatte. Dieser neue Sinn verbreitet sich allmaehlich auch unter den Gebuertigen von GFL. Als erster war der weissrussische Dichter, der auf Polnisch schrieb, Salomon Ryssinski († 1625). Bei der Aufname in die Altdorfer Universitaet am 2. Dezember 1586 trug er sich in die Matrikel unter dem gekuenstellten Namen Solomo Pantherus Leucorussus ein (Gr. leucos — weiss). Etwas spaeter nannte Ryssinski in seinem von 15. November 1588 Brief an den Freund, den deutschen Juristen Konrad Rittersgusius, seine Heimat Leucorussia, was die Assoziationen mit dem schon von Bacon beschriebenen Leucovia hervorruft.

Anfang des 17.Jahrhunderts draengt der Termin Weisses Russland in seiner neuen Bedeutung in eigentliches Russland ein, wo ihn die Zarrenregierung gern aufgreift. Er verhaelfe den Zarren zu neuen Truempfen in ihrem Kampf gegen das GFL und Polen fuer “ureigene Russische Laender” in Weissrussland und der Ukraine. Dazu noch deutete die oertliche orthodoxe Bevoelkerung das Epitheton “weiss” wie “frei vom katolischen”, im Westen des heutigen Weissrussland in Grodnoer, Brester und Nowogrudoker Woiwodschaften gab es solche Position zum Katolizismus und zur kirchlichen Union nicht, aber weissrussisch wurden diese Woiwodschaften erst am Ende des 19.Jahrh. genannt. Im Laufe des blutigen Krieges 1654—1667, wo ueber die Haelfte der Bevoelkerung des GFL gefallen war, befahl der Zarr Alexei, der sich eine Zeitlang der weissrussich-litauischen Hauptstadt Wilna bemaechtigt hatte, ihn auch “den Grossen Fuersten von Litauen und Weisses Russland” zu titulieren. In jener Zeit gelang es, die Eroberung vom GFL durch Russland mehr als fuer 100 Jahre aufzuschieben, aber das nachfolgende Schicksal von ganzem Fuerstentum und Weissem Russland selbst, war schon im voraus entschieden. Waehrend drei Teilungen von Rzeczpospolita (1772—1795) wurden sie an Russland angeschlossen. Weniger als nach einem halben Jahrhundert danach, im 1840, hat die Zarrenregierung den Gebrauch von diesem schon untauglich gewordenen Termin verboten und ihn offiziell durch “Nordwestlaender” ersetzt. Die altweissrussische Literatursprache, die in 16 — 17 Jahrh. ihre kulturelle Bluehte erlebt hatte, wurde faktisch schom Ende des 17 Jahrh. verboten und aus der schriftlichen Sprache zuerst durch Polnisch, und spaeter durch Russisch verdraengt.

Erst Mitte des 19.Jahrh. entstand unter den oertlichen verpolnischten Adligen die Bewegung fuer die nationale Wiedergeburt. Es erscheinen die ersten Literaturwerke in der neuweissrussichen Sprache, es erwacht das Interesse fuer die nationalen Traditionen, es erklangen schuechterne Vorschlaege ueber das Uminterpretieren der Geschichte und ueber die begrenzte Autonomie des Landes. Es ensteht die Frage ueber seinen Namen. Viele neigten zum historischen “Litauen”, aber dieser Name wurde schon von baltischen Litauern gebraucht, deren nationale Widergeburt viel schneller weitergeschritten war. Jemand schlug etwas kuenstliches wie “Grosslitauen”, jemand “Krivija” — von dem Namen des maechtigsten der Stemmenbunde (vor der Taufe) vor. Aber alle diesen Neologismen haben sich micht eingewoehnt. Und obwohl “Belarus” (Weissrussland) begruendete Vorwuerfe hervorrief, hatte man vorgeahnt, das dieser Name in der Zukunft vielmals als Rechtsfertigung der Ansprueche von Russland auf “ureigene” Rechte dienen wird, befestigte sich letzten Endes gerade er (diser Name). (Die Ukrainer, z.B., behielten standhafte Allergie zum analogen offiziellen Reichsname ihres Landes — “Das Kleine Russland”). 1918 wurde gleichzeitig mit den baltischen Staaten die Unabhaengigkeit der Weissrussischen Volksrepublik verkuendigt (die einzige der Grossmaechten, die sie anerkannt hat, war Deutschland), aber die Ideologie der nationalen Wiedergeburt war noch zu schwach, um um sich das Volk von Weissrussland zu vereinigen. Die Bolschewiki wagten doch nicht, den weissrussichen Staat als solcher voellig zu liquidieren, sie behielten seine ephemerischen Attribute. So wurde Weissrussland eine der Sowjetrepubliken, die am loyalsten zu Moskau war. Im Jahre 1945 hat Stalin wegen einer zusaetzlichen Stimme (formal als Zeichen der Anerkennung von Verdiensten der Weissrussen im Kampf gegen den Nazismus) seine Einschliessung als eines der Gruendungsstaaten in die UNO erlangt, aber praktisch bedeutete das viel weniger als “Fussballunabhaengigkeit” von Schottland und Wales. Offizielle Propaganda gab Weissrussland die Rolle nur des treuesten historischen Gefaehrten von Russland. Dass Weissrussland im Laufe von Jahrhunderten ein Teil Europas (sei es auch zurueckgeblieben) war, wurde allerlei verschwiegen. Alle, die das Recht auf die nationale Identitaet erkaempfen wollten, die wagten an “Unverbruechligkeit der Union” mit Russland zu zweifeln, nicht nur die Zeitgenossen, sondern auch die weiten Ahnen (und die Elite der Gesellschaft war immer proeuropaeisch gestimmt und schom deshalb antirussich), wurden als “Volksfeinde” verkuendet mit allen daraus folgenden Konsequenzen. So ist es auch heute in formall unabhaengigem Weissrussland. Ob dieser Name als Name einer der russischen (sowjetischen ?) Provinzen bleibt, oder zum gleichberechtigten Namen einer der europaeischen Nationen wird, steht die Frage offen.

Alexander Bely